Sonntag, 2. Februar 2020
Der Ruf nach Klarnamenpflicht
Nachdem ich eben durch Zufall auf einer ganz interessanten Seite gelandet bin, las ich dort in den Kommentaren, dass der Betreiber von seinen Besuchern die Angabe des Klarnamen verlangte und auch seine Begründung, dass die Verwendung von Pseudonymen den sogenannten "Mob" hervorbringen würde und fand diese Ansicht sehr bedenklich.

Ich war 1992 eine der ersten "Normalbürgerinnen" in Deutschland, die einen Computer (386er mit DOS) besaß und sich über den damals noch schwarzen Bildschirm durch eigene Befehle in das Netz angemeldet hat und bewege mich seither anonym im Internet, ohne jemals zum "Mob" gehört, mich gesetzeswidrig, unfair oder primitiv verhalten zu haben.

Seither sind mir unzählige Menschen in jedem Alter, Bildungsstand, den verschiedensten Nationalitäten und Interessen begegnet. Dabei ist mir aufgefallen, dass es weder an einer dieser Eigenschaften liegt, wie sich ein Mensch im Internet gibt und benimmt, noch daran, ob er anonym oder unter seinem Klarnamen auftritt, sondern m.E. liegt einzig und alleine an seinem Charakter und seiner Persönlichkeit, wie sich ein Mensch im und außerhalb des Internets anderen gegenüber verhält.

Andere dazu aufzurufen, bzw. von ihnen zu verlangen, ihren Klarnamen anzugeben, halte ich für eine anmaßende Vorgehensweise, die keiner Privatperson zusteht. Natürlich hat jeder Betreiber einer Seite eine Art "Hausrecht" und kann gewisse Regeln vorgeben, aber gerade was den Datenschutz betrifft, hat niemand das Recht, von anderen zu verlangen, ihre privaten Daten im Internet öffentlich preiszugeben.

Ich bin ja nicht oft stolz auf mich, aber darauf, dass es im gesamten Internet kein einziges Foto von mir gibt, auf dem man mich erkennen könnte, dass fast niemand im Internet weiß wer ich bin und auch so gut wie niemand in meinem Leben außerhalb des Internets weiß, unter welchen Namen ich mich im Internet bewege und wo ich mich wie beteilige, bin ich tatsächlich sehr stolz. Selbst wenn man meinen vollen Namen kennt, weiß wo ich wohne und wie ich aussehe, findet man überhaupt keine Informationen über mich und zu meiner Person.

Da ich hier im Internet weder etwas verkaufen möchte, noch auf Karriere aus oder sogar Machtgierig bin, ist es völlig überflüssig, meine Identität preiszugeben. Durch diese Anonymität bin ich jedoch nicht weniger anständig und seriös, als ich es unter meinem Klarnamen wäre und habe es auch nicht nötig, eine Rolle zu spielen, sondern gebe mich genauso authentisch und ehrlich, wie sonst auch immer.

Wenn man das weltweite Web mit dem Leben außerhalb des Internets vergleicht, hat man seinen Klarnamen schließlich auch nicht für alle sichtbar auf der Stirn tätowiert und man muss jemanden, den man z.B. nach dem Weg fragt auch nicht mitteilen, wo man wohnt, arbeitet, einkauft, welche Interessen man hat, was man gewöhnlich einkauft, wie viel Geld man verdient, was man liest, schreibt etc, um eine Antwort zu erhalten. Mann muss einer solchen Person auch nicht erlauben, diese persönlichen Daten zu geschäftlichen Zwecken benutzen zu dürfen. Doch, selbst wenn man das (auch) auf der Straße tun müsste, um eine Auskunft zu erhalten, würden diese Informationen nur einen Bruchteil der Menschen erreichen, wie es hier im Internet der Fall ist.

Für mich ist es vollkommen unbegreiflich, wie unbedacht die meisten "Normalbürgenden" mit ihren privatesten Daten umgeben, nur um möglichst viel/e Aufmerksamkeit, Anerkennung, Kommentare, "Likes und Follower" zu bekommen und sich als etwas besonderes zu fühlen. Diese Menschen verfügen m.E. über ein schwaches Selbstbewusstsein, denn eine starke Persönlichkeit hat so etwas gar nicht nötig.

Und ein selbstbewusster Mensch würde m.E. auch anderen gegenüber so respektvoll sein, es ihnen selbst zu überlassen, ob und welche privaten Daten sie bekannt geben möchten und welche nicht.

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